Mittwoch, 15. Juni 2016

Nach und nach erwachen die Lebensgeister der Crew und des Skippers, welcher zur Verwunderung der gesamten Mannschaft das erste Mal nicht als Letzter aufsteht. Was ist nur der Grund für dieses Jahrhundertereignis? Beginnende senile Bettflucht? Oder schlicht und einfach „zeitiges“ Schlafengehen? Egal, niemand von uns kann und will das eruieren und wir gehen in ein Lokal gegenüber, um ein kleines Frühstück einzunehmen. Die sehr junge, unglaublich freundliche, dauerlächelnde und offensichtlich hochmotivierte Kellnerin ist mit unseren Bestellungen schwer überfordert, aber wir kommen doch nach und nach zu unseren Orangensäften und Toasts.

Nach einem eleganten, und der erfahrene Leser dieser Zeilen errät es: wortlosen Ablegemanöver fahren wir in Richtung Maslinica auf der Insel Solta. Dies deswegen, weil eine Sturmwarnung durchgegeben wurde und der Skipper verantwortungsvoll einen eher nahegelegenen Hafen ansteuern will. Auf Grund fast ständiger, die harte Schale des Skippers penetrierender Begehren einzelner Mannschaftsmitglieder, die Segel zu hissen, lässt sich dieser erweichen und wir setzen nach einigen Seemeilen   motorisierter Fahrstrecke die Segel.

Das Segeln gestaltet sich so, dass wir mit (nahezu) voller Segelfläche zehn Minuten mit sieben Seemeilen Strecke gewinnen, aber danach zirka eine Stunde mit gefühlten 0,0 Seemeilen dahin(fahren)stehen. Jeder halbwegs engagierte Schwimmer hätte uns locker überholt. Daraufhin werden die Segel eingeholt und der Skipper mit einem für ihn weiteren, nahezu an Beleidigung grenzenden Wunsch der Mannschaft, nämlich einen Badestopp einzulegen, konfrontiert. Allerdings dürfte der unüblich frühe Tagesbeginn des Skippers dazu beitragen, diesen Wunsch unerwartet gewogen zu beurteilen und in der nächsten geeigneten Bucht wird ein gelungenes Ankermanöver durchgeführt. Die Buben und der Skipper begeben sich in das, den einzelnen erschrockenen Lautäußerungen zufolge, angenehm warme adriatische Meer, um wie Kinder herumzuschwimmen und herumzuprusten.

Lediglich der Chronist, von einer schweren, unheilbaren Kalt- und Salzwasserallergie betroffen, sieht sich das Spektakel verständnislos kopfschüttelnd von Bord an, führt die (natürlich zensurierte) fotografische Dokumentation durch und steht in der Nähe einer der Rettungsringe, um im Notfall eingreifen zu können. Abgesehen davon sieht, wie der geneigte Leser ohnehin weiß, das internationale Seerecht in solchen Fällen zwingend vor, dass ein geeignetes, womöglich nüchternes Crewmitglied an Bord bleiben muss, um im Verlustfall der Mannschaft das leere Schiff sicher in den Charterhafen zurückbringen.

Dazu kommt es allerdings nicht einmal ansatzweise; und nach glücklichem Wiedersehen an Bord kochen Thomas und insbesondere Harald in der Kombüse herrliche Palatschinken, die von der Mannschaft klassisch (Marillenmarmelade mit Staubzucker) oder ein bisschen sehr anders (scharfes Gemisch von Gusti) gefüllt und verzehrt werden. Harald gelingen immer dünnere Palatschinken, die zum Schluss bereits einem Mikrotomschnitt gleichen.

Nach perfektem Anker-Einziehmanöver geht die Fahrt weiter nach Maslinica, welches wir nach Aufzeichnungen des Skippers um 16:50 Uhr erreichen. Hier wieder ein sehr gelungenes Anlegemanöver, und wir sind von allen kommenden Stürmen der Adria in Sicherheit. Empfangen werden wir von einer Mitarbeiterin der Marina namens Angelina, die einem blonden, zarten Engel gleicht und uns in perfektem Englisch davon zu überzeugen versucht, wegen des angesagten Sturmes doch zwei Tage zu bleiben.

Am Abend gehen wir die kleine Ortschaft erkunden, die wir bereits 2013 das erste Mal besucht haben. Zuerst nehmen wir ein kleines Getränk in einem wunderschönen, auf einer Art Kap mit herrlichem Meerblick gelegenen Lokal ein, um danach in das Lokal „Konoba“ zu wechseln, wo mehrere Crewmitglieder Pizza bestellen, welche nach üppigen Vorspeisentellern ausschließlich für den Skipper kein unüberwindbares Problem darstellt.

Danach begibt sich nahezu die gesamte Mannschaft an Bord, lediglich der Skipper und Harald genehmigen sich noch einen Gin Tonic im Hafen, kommen allerdings wenige Minuten später auch aufs Schiff.                 

Dienstag, 14. Juni 2016

Wieder beginnt der Tag eher gemütlich und wir machen uns keinen Morgenstress. Nach und nach erscheinen die Crewmitglieder an Deck und bewegen sich in Richtung der nahen Sanitäranlagen, die (wie in Primosten nicht unüblich) lediglich ziemlich kühles Wasser für die Duschen bieten. Nun gut, wenigstens kommt es dadurch zu keiner Süßwasserverschwendung und die Lebensgeister werden auch angeregt.

Nach der Grundreinigung finden wir uns im „Fortuna“ ein, um ein kräftiges Frühstück zu uns zu nehmen. Das angebotene Omelett beinhaltet alles, was eine langanhaltende Sättigung bewirkt. Danach besteigen wir den Hügel, auf dem die Kirche und der Friedhof mit der besten Aussicht der Welt liegen. Nach einer gemütlichen Runde durch Primosten legen wir, ohne mit Worten zu kommunizieren (das taugt dem Skipper immer so), gekonnt ab und nehmen die 27 Seemeilen nach Vrboska auf der Insel Hvar in Angriff.

Die Reise verläuft bis auf stellenweise unruhige See recht beschaulich, als Höhepunkt begegnet uns nachmittags eine aus ca. 10 Tieren bestehende Schule  Delphine, die nur wenige Meter backbords vorbeischwimmen. An den Delphinen sind dabei alle Details zu erkennen; bis allerdings die Motoren gestoppt sind und die Kamera in Position gebracht ist, sind die Tiere leider bereits wieder ca. 50 Meter entfernt, zeigen allerdings noch etliche „Kunststücke“ wie etwa Herausspringen aus dem Wasser.

Um 17:53 Uhr (laut der genauen Aufzeichnungen des Skippers) legen wir im Küstendörfchen Vrboska gekonnt an und die Neigungsgruppe „Fußball-EM“ begibt sich eilig in das nahegelegene Lokal „Trica-Gardelin“ (richtig, dort sind wir jedes Jahr und der Besitzer ist der Mann mit dem Augenbrauentoupet, Kurzname „Pero“) um das Spiel Österreich gegen Ungarn zu sehen. Der Skipper und der Chronist bleiben auf Grund eher schwach ausgeprägter Fußballleidenschaft noch einige Zeit am Schiff und besprechen bei einem Gläschen Wein das letzte Manöver, um nach dem 1:0 für Ungarn zu den Fußballbegeisterten zu stoßen. Das Fußballspiel verläuft nicht nach den Vorstellungen der Crew und so verlassen einige der Zuseher das Lokal bereits vor dem Ende des Spieles. Auch Pero übertreibt mit dem Augenbrauentoupet bereits ein bisschen.

Abends begeben wir uns wieder in das Lokal, denn wir haben uns nachmittags in der Kühlvitrine Fisch ausgesucht, der nun in gegrillter Form für uns bereitsteht. Nach einem absoluten Fisch-Genusserlebnis mit etlichen Gläschen des empfehlenswerten, leichten Hausweins begeben sich Skipper und Crew wieder auf das Boot, um den vergangenen Tag zu besprechen und den kommenden zu planen.     

Montag, 13. Juni 2016

Am regnerischen Montagmorgen herrscht keinerlei Hektik am Schiff, da wir an diesem Tag eine eher kurze Fahrt vor uns haben. Es soll nach Primosten gehen, wo wir zu Beginn des Törns gefrühstückt haben und wo Thomas (aber auch die restliche Mannschaft) unbedingt ein Gläschen einheimischen Weines auf der einen wirklich wunderschönen Ausblick bietenden Dachterrasse des Hotels „Zora“ zu sich nehmen will. Indem uns also eine Fahrt von lediglich 18 Seemeilen bevorsteht, bildet sich die Neigungsgruppe „Nationalpark Krka“, die den nach Angaben des Skippers nur zweieinhalb Kilometer entfernten Nationalpark besuchen und sich die berühmten Krka-Wasserfälle ansehen will.

Der Skipper und Thomas bevorzugen, mit dem Argument, alles schon zu kennen, eher die Bewachung des Bootes und bleiben stationär. Harald startet auf seinem Smartphone die runtastic-app und alle Naturliebhaber schreiten zügig aus. Wir haben die Variante gewählt, dass wir zu Fuß hingehen und mit dem Schiff wieder zurückfahren. Auf dem relativ einsamen Weg in den Nationalpark (eigentlich eine schmale, gänzlich ungesicherte Sandstraße) überholen uns nur wenige Radfahrer bzw. begegnen uns nur vereinzelt Läufer. Allerdings ist nach zweieinhalb Kilometern kein Wasserfall zu sehen, dieser taucht erst nach gut fünf Kilometern Gehstrecke auf. Hier sehen die Wanderer erstmals Touristenmassen durch den Park strömen, die meisten Wasserfallbewunderer dürften also mit dem Schiff kommen, nicht zu Fuß.

Die Landschaft mit den Wasserfällen und türkisgrünen Seen ist wirklich atemberaubend schön, leider bleibt nur wenig Zeit, alles anzusehen und zu bewundern. Wir müssen rechtzeitig beim Katamaran zurück sei, wollen wir nicht nach Primosten schwimmen. Unser Skipper ist hier streng.

Die Fahrt nach Primosten verläuft ohne Besonderheiten (lediglich Harald fragt bei Thomas interessiert nach, ob dieser bereits Ehrenbürger von Primosten ist ) und nach dem besten Anlegemanöver aller Zeiten (Zitat Skipper Martin), das auch eine beachtliche Anzahl von fachkundigen Zusehern anlockt, wird das geglückte Anlegemanöver mit dem entsprechenden Manöverschluck abgeschlossen. Leider beginnt es gerade jetzt (wie auch schon in der Früh) stark zu regnen und der traditionelle Marsch zum Hotel „Zora“ scheint buchstäblich ins Wasser zu fallen. Thomas verlässt deprimiert das Schiff, der Rest der Mannschaft findet sich mit dem Skipper in der gegenüberliegenden Camel-Bar ein und nimmt Gin Tonic und Mojito zu sich.

Der Regen hört aber nach kurzer Zeit auf und so können zumindest Thomas, Gusti, Martin S. und der Chronist das traditionelle Gläschen auf der Terrasse des Hotels „Zora“ einnehmen. Thomas wird von den Hotelangestellten natürlich wieder wie ein alter Freund begrüßt. Harald und der Skipper bilden ein eigenes Team, das in der Ortschaft mehrere Lokale und eine Vinothek unsicher macht und zum Schluss gar nicht mehr bezahlen muss (liegt das am üppigen Konsum zuvor?).

Abends essen wir in einem Lokal direkt am Meer, wunderschön auf einer kleinen Mole, die ins Wasser hineinragt. Gott sei Dank nehmen wir auch Vorspeisen zu uns, da vom Hauptgang allein nicht einmal Micky Maus satt werden würde (Zitat eines Crewmitgliedes). Danach geht’s wieder zurück aufs Schiff, wo sich nach erneutem, verantwortungsbewusstem Genuss von Gin Tonic ein Crewmitglied nach dem anderen in die Kojen zurückzieht. Der Skipper bleibt noch sitzen und lässt in   Ruhe den Tag Revue passieren.  

Sonntag, 12. Juni 2016

Bereits um viertel acht Uhr morgens beginnt auf der „Lydia 1“ die Tagwache, da am Sonntag eine relativ lange Seefahrt von 52 Seemeilen vor uns liegt. Wir wollen nach Skradin fahren, in eine kleine Ortschaft, die am Flusslauf der Krka landeinwärts liegt. In direkter Nähe befinde sich auch ein Nationalpark, in welchem der Krka-Wasserfall über acht Stufen fünfzig Meter in die Tiefe stürzt. Die Bildung von Neigungsgruppen (Nationalpark, bootbewachen, Lokal besuchen etc.) setzt unter der Mannschaft bereits ein. Gusti verwöhnt uns wieder, wie gewohnt, mit ordentlichen Portionen Ham and Eggs zum Frühstück, um die lange Seereise gut zu überstehen.

Nach einem gut geglücktem Ablegemanöver (mit Manöverschluck) beginnt die lange Seereise. Gusti sitzt am Steuer des Katamarans und fährt ruhig und sicher durch stellenweise schwere See, da Unwetter unsere Fahrt begleiten. Zwei Straßenbrücken sind auf der interessanten Flussfahrt zu unterqueren, wobei Gusti bei der ersten nicht sicher ist, ob sich das mit dem Mast auch ausgeht (geht sich aber ganz leicht aus). Skipper Martin ortet bei Gusti eine Art Magnetismus zwischen der GFK-Außenhaut unseres Katamarans und den Felsen des Canyons, den wir entlangfahren, dennoch bleibt immer genug Wasser zwischen uns und den erbarmungslosen Felsen. Wie fühlen uns wie in einer Mischung aus den Filmen „Apocalypse Now“ und „John Rambo“, wo die Protagonisten auch einen Fluss hochfahren, wir aber ohne die Gefahr eines feindlichen Beschusses.

Um 15:45 Uhr legen wir in Skradin an und alle Besatzungsmitglieder gehen an Land, lediglich der Chronist bleibt zurück und bewacht das Boot. Inzwischen läuft eine große Überraschung ab, unser Martin S. trifft für ihn, aus heiterem Himmel, seinen Geschäftspartner Herrn Andreas M., dessen liebe Gattin und dessen persönlichen Mann für Alles Hans S.. Andreas M. kennen wir von diversen vergangenen Törnund wir haben manche abendliche Essenseinnahme mit ihm geteilt. Thomas hat das überraschende Treffen vorausgeplant und organisiert. Nach einem kurzen Besuch von Andreas auf der „Lydia 1“, wo er uns einen prägnanten Vortrag zum Thema „Betreten eines Schiffes in Straßenschuhen“ hält, bewegt sich die Mannschaft in Richtung des Lokales „Toni“, wo von Skipper Martin für drei Besatzungsmitglieder das hierortige Nationalgericht „Peka“ vorbestellt wurde.

Dabei handelt es sich um eine Art Schafschmorbraten, der in gusseisernen Gefäßen mit darüber geschichteter glühender Holzkohle zirka vier Stunden gegart wird; das betreffende Schaf wird offensichtlich nach Zufallsprinzip in kleine Teile zerhackt. Drei Besatzungsmitglieder (Thomas, Gusti und Martin S.) bleiben sicherheitshalber doch bei Bekanntem wie Tintenfisch und Aquakultur-Seefisch. Nach wirklich sehr gutem Essen, bei dem zwischendurch wesentliche Aspekte außergewöhnlicher persönlicher Erlebnisse (Fahren auf kroatischer Autobahn mit 250 km/h mit Argumentation gegenüber einer noch schnelleren kroatischen Zivilstreife), der Weltwirtschaft, des Menschseins an sich, behandelt werden, begibt sich die Runde zur Nachtruhe, die für den etwas unvorsichtigen Gusti und den Skipper erst um 04.30 Uhr des nächsten Tages beginnt.